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derKVProfi investigativ: Gerüchte und ein Wirtschaftskrimi

Da brodelt auf einmal die Gerüchteküche (Pfefferminzia, Das Investment.com, Versicherungsbote) im Markt der freien Vermittler rund um die CSS Versicherung AG Vaduz, Liechtenstein, die in Deutschland ab 2006 sehr erfolgreich Krankenzusatzversicherungen angeboten hat, und nun von der Hanse Merkur gekauft werden soll.

Ich wollte darüber berichten, habe bei der CSS Versicherung AG Liechtenstein angefragt und wurde dann vor einer geplanten Berichterstattung eindringlich gewarnt: Journalisten und Wespennester

Gut, Gerüchte gab es schon in den letzten Monaten mehr als genug (eine Auswahl der Berichterstattung). Unter anderem löste die plötzlich Ablösung des bisherigen Vorstandsvorsitzenden Beat Moll durch Thomas Soltau Diskussionen im Markt der freien Vermittler aus.
Viele Versicherungsmakler stellten die Frage, ob und wie es weitergeht. Thomas Soltau war vorher Geschäftsführer der deutschen Concordia Service GmbH und der Cordial Dienstleistungen GmbH (Concordia Versicherungsgruppe, Hannover), welche Dienstleistungen für private Krankenversicherungsunternehmen erbringt. Ein großer Kunde seit Mai 2012 die CSS Versicherung AG Liechtenstein.

Dann kochten in der Schweiz Gerüchte hoch, dass die CSS Liechtenstein die Muttergesellschaften (CSS-Gruppe Schweiz) fast 200 Millionen Schweizer Franken gekostet haben soll und ein Loch von 50 Millionen Schweizer Franken aktuell neu gestopft werden müsste. Auch über einen möglichen Verkauf und viele Hintergründe wurden in schweizer Medien ausführlich berichtet und spekuliert. Übrigens anscheinend ohne eine juristische Reaktion in der Form, wie ich sie aktuell erleben durfte.

Hier finden Sie die gesammelten Medienberichte: CSS in den Medien

Die Basis der Gerüchte kann man wohl mit der Berichterstattung der Schweiz am Sonntag am 28./29. Juni 2014 in Verbindung bringen.

Die Aussagen der Schweiz am Sonntag finden Sie hier: CSS in den Medien

Schieflage?

Woher kommen die Verluste, von denen die Schweizer Medien berichten? Die Verluste sollen insbesondere durch die Kosten für Vertrieb und Marketing entstanden sein, wie man den Schweizer Medien und dem Versicherungsjournal vom 21.07.2014 entnehmen kann.

Zitat Schweiz am Sonntag: “Aus den Geschäftsberichten geht hervor, dass die CSS für jeden eingenommenen Prämienfranken bis zu einem Franken Abschlussaufwendungen verbuchen musste.

Aus meiner beruflichen Erfahrung weiß ich, dass es schwierig ist diskontierte Provisionen und die dazugehörigen Overheadkosten aus einer Kalkulation nach Art der Schadenversicherung zu finanzieren, insbesondere dann, wenn ich nicht über entsprechende Gewinne verfüge.
Bei der Kalkulation nach Art der Lebensversicherung kann ich zillmern, verwende also den Sparanteil zur Finanzierung der Anlaufkosten.
Das ist natürlich auch nur aufgeschoben, aber es bringt Zeit bei einem logischerweise höheren Beitrag!

Wenn man sich die Entwicklung der Versichertenzahlen anschaut (2007 6.000, 2009 110.000, 2011 171.382, 2012 186.212 | Quelle: Medienberichterstattung und PKV-WIKI) dann erkennt man ein schnelles Wachstum und eine leichte Stagnation des Wachstums zum Ende des Jahres 2012. Berücksichtigt man, dass Nettozahlen am Ende des Jahres Storno beinhaltet, dann wurden also im Jahr 2012 immer noch Kundenzugänge von mehr als 15.000 Personen generiert.

Fragen

Es stellen sich mir Fragen, die mir auch von vielen Versicherungsvermittlern gestellt werden und auf die die CSS (und hier sind alle beteiligten Gesellschaften gemeint) bisher keine Antworten gegeben haben. Einige der für mich vorangigen Fragen, die zuerst beantwortet werden sollten:

Ab wann wichen die Verluste vom ursprünglichen Investitionsplan, bezogen auf Best-, Worst- und Middle-Case, ab?

Ist es richtig, dass bei der CSS Versicherung AG Liechtenstein auf einen Euro Prämieneinnahme ein Euro Vertriebs- und Marketingkosten kommen?

Welches Verwaltungsratsmitglied, außer Hans Künzle, verfügt über langjährige berufliche Erfahrung im Topmanagement eines Versicherungskonzerns?

Seit wann waren die Verluste dem Verwaltungsrat und dem Management bekannt und was konkret haben die Führungsgremien wann veranlasst um die Situation zu verändern?

Mussten oder müssen zukünftig die Versicherten der CSS Versicherung AG VVG/UVG oder anderer Unternehmen im Konzern mit höheren Beiträgen für die Verluste einstehen?

Wer ist für die (so sagen es fast alle Medienberichte bisher unwidersprochen) zu “flache” (oder knappe) Kalkulation der Zahnzusatzversicherungen flexi verantwortlich?

Hätte “ein ordentlicher und gewissenhafter Aktuar insbesondere anhand der zu diesem Zeitpunkt verfügbaren statistischen Kalkulationsgrundlagen zum Zeitpunkt der Erst- oder Neukalkulation erkennen müssen, dass die Tarife unzureichend kalkuliert waren” und ist eine entsprechende Haftung des Aktuars bzw. des Treuhänders geprüft worden?

Wie verteilen sich die aktuellen versicherten Personen der CSS Versicherung AG Liechtenstein auf die jeweiligen Tarife aufgeteilt nach Männern und Frauen (auch in Unixex) und untergliedert nach Geburtsjahrgängen.

Wie hoch werden in welchem Tarif in welcher Altergruppe (ggf. getrennt nach Männern und Frauen bei Bisex) zum 01.01.2015 die Beiträge nach heutigem Stand voraussichtlich angepasst?

Ist das aktuelle Management der CSS Versicherung AG Liechtenstein mit dem im Raum stehenden Verkauf einverstanden, wenn und soweit es kein Gerücht ist?

Was sind die konkrete Pläne des aktuellen Managements für eine Neuausrichtung der CSS Versicherung AG Liechtenstein?

Warum hat der neue Vorstand Perspektivprodukte, wie CSS Business und CSSprivat.junior vom Markt genommen?

Was ist der Grund dafür, das bereits wenige Monate nach Einführung neuer Zahnzusatzversicherungen (Unisex) die Tarife im Jahr 2014 wiederrum relauncht wurden?

Ist ein Verkauf der CSS Versicherung AG Liechtenstein an einen anderen Versicherer geplant oder beabsichtigt oder werden bzw. wurden seit dem 01.01.2013 solche Verhandlungen geführt?

Ist es richtig, dass die CSS Versicherung AG Liechtenstein der Universa Versicherungsgruppe Nürnberg angeboten wurde? Wenn ja: Ist es richtig, dass die Universa Versicherungsgruppe Nürnberg eine Kaufofferte “dankend abgelehnt” hat?

Wurde mit der Concordia Versicherungsgruppe in Hannover über eine Übernahme verhandelt? Wenn ja: mit welchem Ergebnis?

Wurde oder wird mit der Hanse Merkur über eine Übernahme verhandelt?

Zeitlicher Ablauf

Die CSS wurde 2003/2004 zu einem Versicherungskonzern. Verwaltungsrat und Management wollten Wachstum.
Das ist in der Schweiz, auch durch Fusionen, gelungen, wie man der Entwicklung der Mitgliederzahlen entnehmen kann.
Heute ist die CSS wohl die größte KVG Krankenversicherung der Schweiz.

Das Wachstum wurde aber auch im Bereich der sonstigen Versicherungen nach VVG und UVG angestrebt und zusätzlich sollte der deutsche Versicherungsmarkt in Angriff genommen werden, was ab 2006 auch passierte.

2010 waren die Verluste der CSS Versicherung AG bereits bekannt und wurden auch präsentiert:

Zitat Tages Anzeiger: “In Zurfluhs Bewerbungspräsentation vor dem Mitgliederrat, die laut dem Insider gegen den Willen des Gremiums stattgefunden hatte, habe der Ökonom die Probleme in Vaduz klargemacht. «Danach wussten alle, was es geschlagen hat.

Zitat business24ch.: “Wer wusste von diesen Verlusten? Und ab welchem Zeitpunkt? Kurioserweise hatte Urs Zurfluh, einer der Kandidaten für das neu zu wählende CSS-Präsidium, bereits 2010 die Probleme in Vaduz angesprochen. Interessanterweise bewarb sich Zurfluh um den Posten im CSS-Präsidium mit einer Bewerbungspräsentation, die explizit auf das Thema “Verluste bei der CSS-Tochterfirma in Vaduz” zugeschnitten war, gegen den ausdrücklichen Willen des Mitgliederrates. Das Ende vom Lied: Zurfluh wurde nicht gewählt und das Debakel von Vaduz blieb in der Folge lediglich ein Randthema in den entsprechenden Gremien. Bis jetzt. Nun kommen unangenehme Fragen auf die Protagonisten zu.

Im Dezember 2012 wird Hans Künzle, der CEO der Nationale Suisse, Mitglied des Verwaltungsrates.

Im November 2013 wird das Mangement in Liechtenstein ausgetauscht und im Februar 2014 werden Restrukturierungen bekannt gegeben.

Im Mai 2014 bestätigt der neue Vorstandsvorsitzende die Restrukurierung und ein neues Aktuariat über Towers Watson in einem Interview.

Im Juni 2014 spekulieren erstmals Schweizer Medien über einen Verkauf, bei dem 50 Millionen Schweizer Franken als Mitgift mitgegeben werden.

Im Juli 2014 verstärken sich die Berichterstattungen in den Schweizer Medien.

In der Zwischenzeit wird der Betrag von 500 Millionen Schweizer Franken bei der CSS Versicherungsgruppe, durch das Engagement in Liechtenstein und Deutschland und einige Übernahmen der Vergangenheit in der Schweiz, als Verlust genannt.

Diesen Berichterstattungen in schweizer und deutschen Medien hat bisher niemand widersprochen. Ich kann zumindest bisher keine Gegendarstellung der CSS Holding AG oder seiner Töchter finden.

Sie suchen mehr Details zur Historie der CSS Versicherer?

Historie CSS Schweiz

Historie CSS Deutschland

Das Fremdbild einer kritischen Stimme

Unabhängig von den offenen Fragen, entsteht für mich persönlich folgende Eindrücke, und hierbei handelt es sich meine persönliche Sichtweise und Meinung:

Es entsteht für mich der Eindruck,

* dass sich ab 2005 der Verwaltungsrat und das Management der CSS Luzern das Ziel Wachstum und Größe gesetzt haben.

* dass es unterschiedliche Interessengruppen gibt, die unterschiedliche Ziele verfolgen.

* dass die Verluste der CSS Versicherung AG lange Zeit nicht wahrgenommen oder sogar vernachlässigt wurden.

* dass mit dem neuen Verwaltungsratsmitglied Hans Künzle ab Dezember 2012 die bisher vernachlässigte Situation CSS Liechtenstein anders bewertet wurde.

* dass es zur Zeit keinen klaren, konstanten und nachhaltigen Kurs gibt.

* dass man sich nicht zwischen einem Ende mit Schrecken oder einem Schrecken ohne Ende entscheiden will oder kann.

* dass man innerhalb der Entscheidungseben schwankt und nicht weiß, was man tun soll.

Und es entsteht der Eindruck, dass es keinen Krisenplan gibt.

Übernahme

Im Prinzip gibt es eigentlich keinen Grund einen PKV Bestand zu übernehmen. Die Risiken überwiegen. Eine etwaige Sanierung fällt unter Umständen auf das übernehmende Unternehmen zurück. Nach der Fusion der Bestände greift das Tarifwechselrecht gemäß § 204 VVG. Man kann eigentlich kaum etwas gewinnen, außer vielleicht Größe, aber man kann viel verlieren. Das ist langjährig bestätigtes Wissen innerhalb der deutschen PKV.

Sinn könnte es für eine strategisch entsprechend aufgestellte deutsche Versicherungsgruppe machen, die CSS Versicherung AG zu übernehmen oder sich mit 50% an ihr zu beteiligen, ggf. neue Tarife zu konzipieren und als völlig eigenständige zweite Marke, ggf. nach einer Umbenennung, für Vertriebswege im Internet oder anderen neuen Medien zu nutzen. Voraussetzung ist, dass ich über entsprechende Vertriebskraft in dem Segment verfüge.

Und genau deswegen hört und fühlt sich das Gerücht mit der Hanse Merkur für mich persönlich realistisch an. Das ist eine der Strategien der Hanse Merkur Versicherungsgruppe, insbesondere der HVP Hanse Vertriebspartner AG.

Dann macht die technische Neuerung der CSS Versicherung AG, die ja bisher den Vertriebsweg Versicherungsmakler fokussiert hat, richtig Sinn: 03.06.2014 CSS Versicherung AG führt neues Vertriebstool ein
Denn welchen Nutzen dieses Tool für VersicherungsMAKLER haben soll, hat sich mir noch nicht wirklich erschlossen.

Problem geschlossener Tarife

Ein geschlossener Tarif bekommt keine neue Kunden mehr dazu. Es werden höchstens Kunden das jeweilige Kollektiv verlassen.
Dabei gilt, dass jede Altersgruppe (bei Bisex getrennt nach Geschlechtern) in jedem einzelnen Tarif ein eigenständiges Kollektiv darstellt.
Die Behandlungskosten aller versicherten Personen jedes einzelnen Kollektivs beinflussen den Beitrag.
Gehen gute Risiken, dann findet eine negative Entmischung statt, die zu einer negativen Spirale führen kann:
Beiträge steigen, Kunden kündigen wegen Beitragsanpassung, gute Risiken gehen, Kopfschaden steigt, es muss erneut angepasst werden. Die Schritte wiederholen sich beliebig, bis die Tarife entleert sind oder nur noch Kunden versichert sind, die Ihren jährlichen Schaden mit Kostenaufschlag jeweils selbst zahlen.

Empfehlung an Versicherungsmakler

Ich zitere Michael Franke von Frake und Bornberg, der in einem Artikel folgende Aussage getroffen hat:

Die, auch vom Gesetzgeber in §§ 60/61 VVG geforderte, Empfehlungsbasis ist das Produkt und nicht das Unternehmen.

Beim Unternehmen sollte der Makler aber auf jeden Fall von einer Empfehlung absehen, wenn es hinreichende Hinweise aus geeigneten Quellen gibt, dass es um das Unternehmen kritisch bestellt ist. Hier gibt es laut Rechtsprechung eine Pflicht, solche Quellen zu verwenden: beispielsweise Fachpublikationen.

Falls sich die CSS Holding oder Ihre Tochterunternehmen nicht kurzfristig final positionieren wie es weitergehen wird, sehe ich Versicherungsmakler in der Not, die in der Vergangenheit ausgesprochenen Empfehlung zu überprüfen.

Im Vorfeld sollte jedoch immer die Alternative eines Tarifwechsel gemäß § 204 VVG geprüft werden.
Ein Tarifwechsel hat aber letztendlich für die Kunden, die in den abgebenden Tarifen versichert bleiben, die gleiche Wirkung: Entmischung.
Der Kunde, der über einen Tarifwechsel bei der CSS bleibt, wird aber unter Umständen in seinem neuen Tarif kurzfristig auch Teil eines geschlossene Kollektivs sein, wenn er nicht sowieso in bereits geschlossene Tarife wechselt.

Bei der Überlegung sollte berücksichtigt werden, dass die Kunden sich teilweise in geschlossenen Tarifen befinden, die nur noch Storno, aber keine Neuzugänge mehr erleben. Diese sogenannte Entmischung ist in diesem Fall (CSS Versicherung AG Liechtenstein) deutlich kritischer zu bewerten, da sich die Kunden vermutlich in bestimmten Altersgruppen “klumpen”. Das lässt sich ja aus der bisherigen Dauer des Geschäftsbetriebes ableiten.

Auch über die an verschiedenen Stellen genannte und ausgesprochene Beitragsanpassung zum 01.01.2015 sollten Kunden bereits frühzeitig informiert werden, damit eine Verärgerung der Kunden nicht auf den betreuenden Versicherungsmakler übertragen und die Kundenbeziehung dadurch ggf. gefährdet wird. Wir haben eine Bestätigung, dass der Vorstandsvorsitzende der CSS Versicherung AG Liechtenstein gegenüber einem relativ großen und bestandsstarken (CSS-Bestand) Versicherungsvermittler eine relativ hohe Beitragsanpassung zum 01.01.2015 avisiert hat.

In Bezug auf potentielle neue Kunden sollten Versicherungsmakler sich sehr genau überlegen, wie und was sie dokumentieren, wenn sie aktuell CSS Versicherung AG Liechtenstein empfehlen oder vermitteln.

Fazit

Et es wie et es; Et kütt wie et kütt; Et hätt noch emmer joot jejange.

Oder die Weisheit der Dakota Indiander, die ich hier auch passend finde: “Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.”

P.S.: Ich bedanke mich bei vier sehr geschätzen Kollegen, die mich bei der Optimierung dieses Artikels fachlich, journalistisch und juristisch begleitet habe: Vielen Dank für die Unterstützung!

08.09.2014

Thorulf Müller
derKVProfi

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